Datum: 01.05.2010
Name des Verfassers: Lina Rixgens
Position: Glücksstadt, Elbe, Hamburg, Köln
Wetter: Sonne, Regen, Wind und Wolken
Etmal: 24 sm und 450 rm (road miles)
Manche Leute tanzen in den Mai. Wir haben in den Mai hinein Krabben gegessen, lachend auf der Pier gestanden, redend und Schokolade essend in der Messe gesessen, die letzten Stunden in unseren
Kojen gelegen und uns den kommenden Tag versucht, vorzustellen.
Irgendwann haben wir letzteres aufgegeben. So etwas konnten wir uns nicht vorstellen. Wie auch? Wir waren doch noch hier, auf der Johnny, in irgendeinem Hafen, saßen zusammen in der Messe, es war
fast wie immer. Sich innerlich auf den morgigen Tag vorzubereiten war nicht möglich. Auf was würde man sich vorbereiten?
Auf eine außergewöhnlich toll mit Flaggen geschmückte Johnny? Darauf, stolz zu sein, die Flaggen aller Länder zu sehen, die wir besucht und erlebt haben? Auf die schneidende Kälte, die uns auch
nach einem tollen Sonnenaufgang umgab? Auf das Vorbeiziehen der Tonnen? Auf ein letztes Mal Klüver packen? Auf die Nationalhymne, die für uns gespielt wurde, als wir die Elbe hoch fuhren?
Vielleicht auf Klaus Schade, der uns eine Tüte mit Mars von einem Motorboot aus herüber reichte? Oder auf die Musik, die aus einem Radio aus der Brücke mit kläglichem Gesang über das Deck
waberte? Auf die Stimmung beim Frühstück, die geradezu geladen war mit Spannung, Erwartung und Neugier? Etwa auf das zusammen packen unserer letzten Sachen? Oder auf das Vorüberziehen von
Blankeneese? Auf das ständige Näherkommen der Skyline Hamburgs?
Wie sollten wir uns vorbereiten auf die vielen Krähne, Frachter, Container und Docks, die wir vor 197 Tagen hinter uns gelassen hatten und die nun vor unserem Bug lagen? Wie auf den Blick oben
vom Mast aus auf das Boot der Presse, die Amphitrite und das Schiff der Lietzer? Wie auf das langsame aber sichere Öffnen der Brücke? Auf die vielen Menschen, die dort extra an die Pier gekommen
waren, um uns willkommen zu heißen, die uns zeigten, wie lange wir wirklich weg waren? Wie auf das lange Tuten der Johnny? Und auf die letzten Meter bis zur Pier, das viele Winken, die vertrauten
Gesichter, das Leinen rüber geben, das Ausbringen der Gangway, die erste Umarmung oder die Freudentränen?
Es ist nicht möglich, sich auf all das vorzubereiten.
Ein riesiges Abenteuer ist nun zu Ende, doch der Alltag wird für uns anfangs ebenfalls ein großes Abenteuer darstellen. Ein Abenteuer anderer Art. Einerseits so vertraut, andererseits ganz
anders, da wir selbst uns verändert haben und unsere Umgebung anders wahrnehmen werden.
Ich danke allen Leuten, die mir diese geniale Zeit ermöglicht haben - ganz besonders Oma und Opa, Mama und Papa, Omi und Opa.
Isa, die Zeit mit dir an Bord war wundervoll!
Finn, Paul, Lotte, Sophie, Path, Fabi, Chris, Sams, Martti, Anni, Lö, Mascha, Timmi, Momo, Nici, Michel, Julia, Wim, Muri, Keno, Franz, Solli, Flo, Leo, Steffi, Bine, Carmen: Ihr wisst genau so
gut wie ich, dass wir Höhen und Tiefen hatten und dass nicht alles nur Pustekuchen war. An die schönen Dinge erinnern wir uns vielleicht eher, als an die weniger schönen, doch genau aus diesen
weniger schönen Erlebnissen haben wir am meisten gelernt und mitgenommen. Es war eine geile Zeit.
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. - Mark Twain
Ganz liebe Grüße,
eure Lina
Datum: 05.04.2010
Name des Verfassers: Lina Rixgens
Position: gerade eingelaufen in Horta (Faial)
Wetter: neblig, regnerisch, kalt
Etmal: 175 sm
Fester Boden unter den Füßen. Nach zwei Wochen des Schaukelns, des ständigen Uterwegsseins, der Bordroutine.
Knapp 2000 Seemeilen liegen hinter uns, genau 14 Tage haben wir gebraucht, die Wachen wurden kälter und nasser, die Zeit ist rasend schnell vergangen.
Mit 12 Knoten rauschen wir den Azoren entgegen. Die Segel stehen toll, wir haben durchgängig Krängung. Es ist ein geniales Gefühl, schönstes Segeln. Das Wetter beweist das Gegenteil, doch es ist
die Stimmung an Bord, die die letzten Meilen dieses Törnabschnittes zu etwas Besonderem machen. Ein kalter Wind weht uns mit 5-6 Windstärken entgegen. Der Gipfel des Picos, dem Berg der
Nachbarinsel Faials, ist umhüllt von Nebel, der Sprühregen kommt fast waagerecht. Die Stimmung ist zweigeteilt. Die Einen sind ausgelassen und freuen sich auf das Geschaffte und den Aufenthalt an
Land, bei den Anderen haben diese Gefühle die Müdigkeit noch nicht vertreiben können.
Ein bunter Hafen empfing uns. Die gesamten Hafenmauern und -molen sind bemalt. Von Seglern, die den Atlantik überqueren, einen Stopp auf den Azoren machen, um dann in Richtung Amerika
weiterzusegeln oder hier einen Halt machen, bevor sie ihre Weltumseglung fortsetzen.
Das Peter Café Sport ist bekannter Treffpunkt aller Segler und auch Nichtsegler. Es ist faszinierend zu sehen und zu erleben, wie viele Menschen aus den verschiedendsten Ländern bereits dort
gewesen sind. Das gesamte Café ist zugehängt mit Flaggen, Aufklebern, Briefen für andere Segler in Form von Zetteln über der Theke. Ein Knotenpunkt. Ort des Austausches für Fahrtensegler.
Ich bin gespannt auf Horta, die Azoren und die Überfahrt nach England.
Ganz liebe Grüße nach Hause! Luca, ich wünsche dir einen tollen Geburtstag...
Eure Lina
Datum: 19. März 2010
Position: St. Georges, Bermudas
Etmal: -
Wetter: sonnig, fast karibik-warm
geschrieben von: Lina Rixgens
Ein freier Tag. Allzu viel gibt es darüber nicht zu berichten - zumal ich nur die Gestaltung dieses Tages aus meiner Perspektive beschreiben kann. Das Ausschlafen hörte bei mir bereits 1,5
Stunden vor dem Wecken auf. Richtig entspannt und lange schlafen funktioniert seit etwa 5 Monaten nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen kann man sich nicht um 180° wenden, komplett
abschalten und sich auf Knopfdruck entspannen. Dennoch habe ich versucht, diesen besonderen Tag (besonders ist er nämlich auf jeden Fall, schließlich hatten wir während der gesamten Reise bis
jetzt nur 2 Tage frei; Tage, an denen wir uns selber überlegen konnten, wie wir die 24 Stunden gestalten wollten) so ruhig und entspannt wie möglich anzugehen.
Gemeinsam mit Julia und Martti verbrachte ich einige Zeit an der Ruine einer Kirche über dem Städtchen St. Georges gelegen. Hinter den pastellfarbenen Häusern und ihren weißen Dächern konnte
man unten am Meer die zwei Masten der Johnny entdecken. In der nicht vollendeten, gotischen Kirche saßen wir unter freiem Himmel in der Sonne; aßen Eis, redeten und ließen die Atmosphäre auf
uns wirken. Ob es erwähnenswert ist, dass wir uns anschließend absolut überteuerte (so wie alles auf den Bermudas überteuert ist) Pizza kauften und den Nachmittag damit verbrachten, diese zu
essen, Hafenwache zu gehen und die Gelegenheit des Internets an Bord oder der Pier nutzten!? Da ich weiß, dass es mir nicht gelingen wird über den heutigen Tag mehr und kreativer zu
schreiben, werde ich diesen Bericht zeitlich gesehen etwas ausweiten.
Die Zeit auf der Johnny ist wie eine Brausetablette. Mit einem Mal wird diese ins Wasser geworfen und fängt an zu sprudeln. Sie sprudelt und sprudelt, hat viel Energie, doch irgendwann hört
sie auf zu sprudeln, das Prickelnde verebbt, die Reise geht zu Ende. Immer wieder merke ich, wie die Reise langsam aber sicher ihrem Ende zugeht. Noch sechs Wochen; fünf Monate - der Großteil
der Zeit - liegen bereits hinter uns. Auf den Bermudas hatte ich das Gefühl, der Kreis würde sich schließen. Die Landgänge dort ähneln den ersten auf Helgoland, in Cherbourg oder Brest. Es
ist etwas neues und definitiv anderes als in Deutschland, durch die Straßen St. Georges’ zu laufen. Wir machen immer noch neue Erfahrungen, lernen neue Leute und Orte kennen. Dennoch ist es
nicht mehr der Höhepunkt der Reise, die Karibik, sondern der Weg zurück nach Deutschland. Vor einiger Zeit schon haben wir die Karibik verlassen, mit unserem nächsten Stopp werden wir Europa
erreichen.
Ich habe noch nicht realisiert, dass diese Reise bald zu Ende sein wird, dass all diese Menschen bald nicht mehr täglich um mich herum sein werden und dass wir nicht mehr auf der Johnny leben
werden. Ich kann es nicht realisieren - genau so wenig wie ich zu Beginn nicht begriffen habe, dass wir wirklich abgelegt haben und für ein halbes Jahr das bürokratische, steife und zu dieser
Jahreszeit kalte Deutschland hinter uns ließen. Es passierte alles, wirklich verstanden habe ich es allerdings erst Tage, wenn nicht Wochen, später. So wird es bald wieder sein. Der Kreis
wird sich schließen. Ganz liebe Grüße an Familie, Freunde und die jenigen, die mit großem Interesse unsere Berichte lesen!!
Lina
Datum: 21. Februar 2010
Position: 23°11′N, 085°05′W
Wetter: tagsüber grau; nachts Regen, Sturm und Gewitter
Etmal: -
geschrieben von: Lina Rixgens
Regen peitscht übers Deck. Er prasselt so stark herunter, wobei er vom Wind beinahe waagerecht weggeweht wird, dass die Sicht auf wenige Meter begrenzt ist. Blitze zucken am Horizont und machen
die Nacht für einige Sekunden zum Tag. Das Gewitter kommt näher. Die Intervalle der Dunkelheit werden kürzer. Es sieht unheimlich aus, wie die Segel immer wieder angestrahlt werden. Der Wind
nimmt schlagartig zu. In Böen mit bis zu 9 Windstärken heult er im Rigg. Es ist schon fast ein Dröhnen. Ein Wunder, dass man den Donner hören kann. Hier endet unsere Schiffsübernahme. Geplant
waren weitere 5 Stunden, doch das Wetter lässt es nicht zu. Das Schiff wird knapp vor den Wind gelegt, damit die Vorsegel geborgen werden können. Das Steuern wird stark erschwert, da der Wind
plötzlich und mehrmals um 180° dreht. Die Johnny schaukelt wie eine Nussschale in den Wellen und wird hin und her geworfen. Währenddessen werden Sturmklüver und Fock geborgen, das Großsegel steht
im 2. Reff. Eine Welle geht so weit aufs Vordeck über, dass wir mehr als kniehoch im Wasser stehen, bis diese seinen Weg zurück ins Meer findet.
Es ist 8:00 morgens am Vortag. Wir Schüler übernehmen das Schiff. An dem Wache-Gehen verändert sich kaum etwas, es ist das gewohnte Ruder und Ausguck gehen, Orte in die Karte eintragen und Wetter
machen. Trotzdem ist es ein anderes Gefühl als sonst. Es fühlt sich besonders an, man ist aufmerksamer und fühlt sich freier in seinem Handlungsraum. Wir arbeiten viel mit den Segeln und
verringern somit den Ruderausschlag auf ein Minimal. Doch wir können tun, was wir wollen, trotzdem haben wir eine Abdrift von 15°. Daher entscheiden wir eine Wende zu fahren. Alles klappt
perfekt, danach ist Ausreffen des Großsegels dran. Zwei gute Entscheidungen: Abdrift ist keine mehr vorhanden - wir machen sogar mehr Höhe über Grund als durchs Wasser und unsere Geschwindigkeit
können wir um gut zwei Knoten erhöhen. Nach Einbruch der Dunkelheit nimmt das Radar nach und nach die Farbe gelb an. Regenschauer ziehen auf, die See wird spürbar unruhiger. Ins Groß werden
vorsichtshalber zwei Reffs eingebunden. Gegen 23:00 bergen wir den Schoner und wechseln Klüver II gegen den Sturmklüver, nachdem dieser nach langem Suchen in einem anderen Segelsack gefunden
wurde. Ein bisschen Akrobatik auf dem Vorschiff und nach etwa einer halben Stunde zieht uns der kleinere Klüver durch die Nacht. An Schlaf ist für einige höchstens zu denken. Ab Mitternacht vier
Stunden Wache mit Regen und zunehmendem Wind…
Liebe Grüße, Lina
P.S. Stürmische Grüße an meine Familie: wir sind nach diesen spannenden Tagen gut in Havanna angekommen! Ich hab euch lieb…
Tag: 6. Februar 2010
Position: 12°17,6′N, 081°30,3′W
Wetter: iInd 2-3, Luft 29°C
Etmal: 116 sm
geschrieben von: Lina Rixgens
Um die in diesem Bericht (zahlreich) verwendeten nautischen* (1) Begriffe auch für den Segellaien verständlich zu machen, unten stehend eine kleine Erläuterung. Der Pfeil der Windanzeige*(2)
dreht immer mehr auf die 0° zu. Das Topsegel*(3) killt*(4) bereits komplett, das Großsegel hat einen ersten Gegenbauch. Es wird hart backbord*(5) Ruder gegeben, doch die Ruderanlage reagiert
nicht mehr schnell genug. Wir drehen in den Wind. Alle Segel killen. Wir stehen. Innerhalb der nächsten Minute stehen alle Segel back*(6). Wir treiben ein Stück rückwärts. Das Schiff fällt
ab*(7). Zusammen mit unserem Steuermann Rainer eilen Sams und ich aufs Vorschiff. Zuerst nehmen wir die Fock*(8) nach steuerbord herüber*(9), danach folgt der Klüver*(10). Der Rudergänger - der
lieber anonym bleiben möchte - fällt ab, um Druck in die Segel zu bekommen. Nach mehreren Minuten machen wir wieder Fahrt durchs Wasser, die Wellen plätschern leise gegen den Bug*(11). Wir
warten. Kommen wir wieder rum*(12)? Das Ruder liegt hart backbord*(siehe 5). Langsam luven wir an*(13), holen kontrolliert die Vorsegel rüber. Während ich an der Winsch*(14) den Klüver dichter
hole, greift auf einmal eine Hand nach der Schot*(15), um mit zu helfen. Jan - schlafend in seiner Hängematte auf dem Vordeck - wurde auf sicherlich einzigartige Weise aus dem Schlaf
gerissen.
Eine fast perfekte Wende*(16). Wir gehen zurück auf den alten Kurs, trimmen*(17) die Segel neu und klaren das Deck auf*(18). Wie langweilig wäre diese 0-4 Wache doch geworden ohne jenes
nächtliche Manöver… Es ist jetzt 10 vor 4. Mit einer zehnminütigen Verspätung wird die neue Wache aus den Kojen geholt. Um die gleiche Zeit verspätet sich der Zeitpunkt der Wachübergabe. Der nun
wachhabende Steuermann beschwert sich über das nicht planmäßige Wecken. Wir können nicht anders, als zu grinsen. Das nächste Mal (….) werden wir also zur richtigen Uhrzeit wecken und uns später
um das Schiff kümmern… Schluss damit. Wir übergeben mit den Worten: “Wir sind gerade eine Wende gefahren und haben dann zurück gewendet. Jetzt ist alles beim Alten, Kurs 355°.”
Was sonst noch geschah: Die folgenden Punkte sind im Vergleich zu dieser einzigartigen Schilderung der nächtlichen Aktivitäten auf der Johnny wohl eher unspektakulär zu lesen, doch auch sie sind
mehr als nur eine Erwähnung wert.
Großreinschiff.
Von den Geschehnissen dieser all samstäglichen Putzaktion bekomme ich wenig mit, da ich die Hälfte unserer 12-16 Uhr-Wache am Ruder verbringe. Diese zwei Stunden fallen genau in die Zeit des
Reinschiffs. Während um mich herum also Deck gewaschen, Wassergräben gereinigt und Duschvorhänge geschrubbt werden, versuche ich möglichst viel Höhe zu laufen (da ist wohl doch noch ein *(19) von
Nöten, ich hatte versucht, es zu vermeiden…), um dem der kolumbianischen Insel San Andres vorgelagerten Riff nicht zu nahe zu kommen. Wegen leichter, drehender Winde und zum Putzen verdammter
Leute, die mich notgedrungen immer wieder vom Ruderstand verdrängen eine Konzentration fordernde Aufgabe.
Badestopp über 1500m Wassertiefe.
Kurz nach dem Passieren bereits erwähnter Insel bergen wir - bis auf das zu Stabilitätszwecken oben bleibende Groß - alle Segel und bleiben mit Hilfe des Motors auf einer Stelle. Sprünge ins
Wasser. Die Johnny mitten auf dem Meer aus einer ungewohnten Perspektive. Die Masten schaukeln hin und her und auch wir bewegen uns im auf und ab der Dünung. Es ist ein tolles Gefühl, unter sich
nur blau zu sehen und zu wissen, dass der Grund mehr als einen Kilometer entfernt ist.
Wieder an Bord gibt es für alle einen Drink vom Captain: Cola und Zitronensaft. Selbstverständlich ist darin kein Tropfen Rum enthalten - wir sind zwar ein Traditionsschiffer, aber dies hier ist
eine alkoholfreie Reise!
- Wie dieser letzte Satz zu interpretieren ist, überlasse ich voll und ganz der Phantasie des Lesers.
Und hier der Glossar der ***:
(1) von Nautik; dazu zählen Navigation und Segelei
(2) ein Instrument, welches die Stellung des Schiffes zum Wind anzeigt
(3) das Topsegel ist ein 31 Quadratmeter großes, dreieckiges Segel, das sich zwischen den beiden Masten über einem der Hauptsegel befindet
(4) flattern
(5) links
(6) der Wind fällt von der “falschen” Seite ein, der Baum ist befestigt, der Bauch des Segels befindet sich auf der abnormalen Seite
(7) abfallen bedeutet vom Wind weg fahren
(8) die Fock ist ein 49 Quadratmeter großes Vorsegel
(9) auf die rechte Seite des Schiffes herüber holen
(10) der Klüver ist unser 101 Quadratmeter großes Vorsegel (siehe (8): Fock)
(11) vorderer Teil des Schiffes
(12) in diesem Fall: Werden wir das Schiff wieder auf die richtige - die andere - Seite drehen können, sodass die Segel wieder an Backbord (siehe (5)) stehen?
(13) anluven bedeutet zum Wind hin fahren
(14) die Winsch ist eine Art Kurbel, die es dem Segler erleichtert, große Gewichte - beispielsweise vom Wind gefüllte Segel - mit geringerem Aufwand zu bewegen
(15) Leine am Segel, um die Segelstellung einzustellen
(16) ein Manöver, bei dem der Bug (siehe (11)) des Schiffes durch den Wind geht
(17) die Segel einstellen
(18) aufräumen, Leinen aufhängen, alles ordnen
(19) möglichst hoch am Wind zu fahren, das heißt: so weit gegen den Wind fahren, bis die Segel anfangen zu killen (siehe (4))
Liebe Grüße an Mama, Papa, Jan und Luca, meine beiden Omas und Opas, Lotte, Anna, ganz besonders an Isa und an alle anderen.
Eure Lina
Tag: 11. Januar 2010
Position: Soloy, Panama
Wetter: sonnig, windig, Sprühregen
geschrieben von: Lina Rixgens
Ein Tag voller neuer Eindrücke. So voll, dass es sich nur noch um eine Aneinanderreihung lauter bunter Bilder handelt, die kaum auseinander zuhalten sind. Inzwischen haben wir uns bereits daran
gewöhnt, dass Zeitangaben nicht so genau zu nehmen sind. Aus 7:30 Uhr kann auch schnell mal 9:00 Uhr oder “mañana” - morgen - werden. Somit wird uns eine Stunde später als gedacht ein tolles
Frühstück zubereitet. Nach einem wassersparenden Abwasch machen wir uns bei schon höheren Temperaturen und leichtem Sprühregen, der aus dem Nichts zu kommen scheint, da sich am Himmel keine
Wolken zeigen, auf den Weg ins Tal. Der Pfad eröffnet uns einen wundervollen Ausblick auf die grüne Umgebung. Ein leichter Nebel liegt über den Wipfeln der Bäume. Wir passieren eine Hängebrücke,
die sich über einen Fluss spannt, in dem wir später baden sollten. Während sich das seichte Gewässer weiter seinen Weg über Stock und Stein bahnt, nehmen wir den unseren auf und nähern uns Stück
für Stück dem Familiengrundstück eines Dorfbewohners. Dieser hat es sich zu seinem Lebenswerk gemacht, einen kleinen botanischen Garten anzulegen - sein Bruder konnte diese Arbeit nicht mehr zu
Ende führen. Im vergangenen Jahr ist er bei dem Versuch, ein Kind in dem von einer Jahrhundertflut ausgeuferten Fluss zu retten, ums Leben gekommen.
Die uns recht gering erscheinende Hilfe, einige Steine vom Ufer des Flusses für die Einfassung des Gartens zu holen, war sicherlich von großem symbolischem Wert: Der Anfang ist getan. Das
folgende Bad im Fluss zeigt abermals, dass wir uns in einem komplett anderen Kulturkreis bewegen. Frauen müssen mit Kleidung schwimmen gehen. Das hatten wir vorher bereits bei einigen Mädchen
gesehen, die mitsamt ihrer Kleider in den Fluss gesprungen waren. Nach dem Mittagessen beginnt eine Charla, eine Gesprächsrunde. Wir treffen uns mit den Bewohnern des Dorfes in der Kirche. In
diesem Fall eine betonierte, überdachte Fläche, auf der einige Holzbalken untergebracht sind. Der tosende Wind macht es schwierig, den Präsentationen einiger Redner zu folgen. So wird der gerade
entstehende Tourismussektor vorgestellt, sowie die Problematik von Ressourcenvorkommen in der Region thematisiert. Große internationale Firmen haben mit dem Bau von Minen begonnen, um Kupfer
abzubauen. Bisher haben wir immer nur von den Problemen einiger indigener Stämme wie Ausbeutung der Natur durch korrupte Firmen und Zerstörung des Lebensraumes gehört. Doch jetzt wird dieses
Problem konkret. Die Umwelt des Dorfes Soloy wird zerstört. Verschmutzte Flüsse, tote Fische, Erdrutsche, Todesfälle sind Konsequenzen dessen. Die Einwohner kämpfen um Aufmerksamkeit, um
Öffentlichkeit, wollen gehört werden.
Nach Beendigung dieses Zusammentreffens, das sicherlich auf beiden Seiten interessanten Informationsaustausch gebracht hat, werden auf der der Kirche vorgelagerten Wiese Kunsthandwerke der Frauen
zum Verkauf angeboten. Aus Naturfasern gehäkelte Taschen, genähte und bestickte Gürtel und Armbänder, die bunten Trachten der Frauen. Die Atmosphäre ist schwierig zu beschreiben: Unter mehreren
Bäumen wird auf Tüchern die Ware angeboten, vor allem Frauen stehen daneben, beobachten uns unablässig und warten darauf, dass wir etwas kaufen. Fast schüchtern stehen sie daneben und sehen zu,
wie die Dinge, die sie mit viel Mühe und Zeitaufwand hergestellt haben, von uns begutachtet und hoffentlich ausgewählt werden.
Etwas wilder ging es kurze Zeit später zu. Ein Fußball erscheint auf der Bildfläche. Die kleinen “niños” bolzen drauf los, wir spielen zu fünft auch mit. Es wird viel gelacht, wobei uns allen
immer wieder klar wird, wie viel ein Lächeln doch ausmacht und wie Verständigung auch ohne Sprache funktionieren kann. Nach kurzer Zeit kommen ein paar Mädchen näher und betrachten neugierig das
provisorische Spielfeld. Dass auch wir Mädchen mitspielen, war für sie ein völlig ungewohntes Bild. Nach mehrfacher Einbindung in das Spiel, werden sie viel mutiger und spielen letztendlich
selbst absolut begeistert mit. Im Hinterkopf haben wir zwar noch die Sorge, die Ansichten der Dorfgemeinde bezüglich Mädchen, Jungen und Fußball zu untergraben und werfen einigen Erwachsenen ab
und zu respektvolle und fragende Blicke zu. Unsere Ängste sind unbegründet. Den Mädchen ist es keinesfalls verboten, mitzuspielen, es ist nur (noch) nicht üblich, geschweige denn
verbreitet.
Zum dritten Mal an diesem Tag wird für uns fantastisches Essen gekocht: Kochbananen mit Spinat und Palmenherzen. Auch das Kulinarische brachte uns die Kultur des Volkes um einiges näher. Auf der
anderen Seite bringt diese Gastfreundschaft wieder ein gewisses Unwohlsein mit sich. Mehrmals am Tag wird für uns gekocht, während die Einwohner im Durchschnitt nur eine warme Mahlzeit täglich zu
sich nehmen… Zum Abschluss des Tages wird uns der Tanz der Bevölkerung vorgeführt. Ohne Musik wirkt es so, als würde etwas fehlen, doch später hat ein Teil von uns mit großer Freude mitgetanzt.
Die Ausfallschritte, aus denen der gesamte Tanz besteht, werden durch den Rhythmus von Rasseln untermalt. Die Tage in Soloy waren eine unglaubliche Bereicherung an Erfahrungen und Wissen
bezüglich des Kennenlernens neuer und bis dahin fremder Kulturen. Es fällt schwer, am nächsten Tag einfach wieder in den klimatisierten Bus zu steigen und in die nächste Stadt zu fahren. Nur eine
gute Stunde Fahrt und doch liegen Welten dazwischen, eine ganz andere Lebensweise, eine andere Einstellung der Leute. Ganz liebe Grüße nach Hause in das verschneite Deutschland,
eure Lina
Link zu Soloy: http://medo.awardspace.com/index.htm
Datum: 24. Dezember 2009
Position: Willemstad, Curacao
Wetter: 32°C, bedeckt bis sonnig
Etmal: per Bus nach Porto Marie und zurück
geschrieben von: Julia Rehkemper, Lina Rixgens, Annika Maug
Sektempfang. Plastikgläser, im leeren Zustand in der Lage vom Wind umgeblasen zu werden, eine weiße Tischdecke, erwartungsvolle Gesichter. Kurze Reden, die uns noch mal vor Augen führen, dass
dies heute ein ganz anderer Heiligabend werden würde als all die Jahre vorher. Die Stimmung ist feierlich, gleichzeitig abwartend. Im Teegarten sind die Vorspeisen aufgebaut, so ein edles Buffet
passt kaum zu unserer Johnny. Zwischendurch werden deutsche Weihnachtslider gesungen. „Stille Nacht, heilige Nacht“ schallt über die Pier. Bei “Leise rieselt der Schnee” ist ein Lachen nicht mehr
zu unterdrücken. Diese schweren Lieder, für dunkle Jahreszeiten bestimmt, passen einfach nicht in diese Gefilde. Später wird der Truthahn feierlich über das ganze Vorschiff getragen, noch
feierlicher schneidet Gerd ihn an.
Nach einer kleinen Pause liest Lothar die Weihnachtsgeschichte, später folgt eine alternative und sehr witzige Darstellung von Jannik. Durch ein “Hohoho!” kündigt sich der Weihnachtsmann an, der
unser kleines Schiff inmitten des weiten Meeres gefunden hat. Der Akzent ist unschwer zuzuordnen. Andreas macht sich gut als Santa Claus. Aus einem roten Buch, das sich als die schon fast
vermisst geglaubte Kladde der Brücke herausstellt, erwähnt er die besonderen Machenschaften einiger Mannschaftsmitglieder. Langsam wird der rot gekleidete alte Mann ungeduldig: seine Engel
verteilen die mitgebrachten Geschenke nicht schnell genug für seine Begriffe. Jeder freut sich über die größtenteils improvisierten Geschenke. Später wird es noch viel kreativer. Die besten
Gedichte zu fliegenden Fischen und Weihnachten werden weiter unten preisgegeben. Freude macht sich breit über Weihnachtspost aus Deutschland, Wichtelgeschenke, dieses andere Weihnachten und das
gemeinsame Verbringen dieses besonderen Abends. Abschließend ist wohl zu sagen, dass wir ein wunderschönes Fest hatten, auch wenn es eher weniger mit dem gewohnten Weihnachten zu tun hatte. Und
es ist sicher, dass wir diesen Heiligen Abend nie vergessen werden, gerade weil er so anders war.
Datum: 15. Dezember 2009
Position: Carlisle Bay, Bridgetown (13°05,5′N/59°37,3′W)
Etmal: lang erscheinende Kilometer zu Fuß in der Mittagshitze
Wetter: heißer Sonnenschein, tropische Regengüsse
geschrieben von: Lina Rixgens
Die Sonne brennt auf uns herunter. Nach dem plötzlichen Regenschauer erscheint die Insel frisch und neu. Der angenehme - wenn auch warme - Wind ist dabei einzuschlafen. Mit dem Dinghy geht es bis
in den Hafen. Das bunte Treiben dort ist uns inzwischen schon bekannt. Es ist immer noch ein merkwürdiges Gefühl, durch die Straßen zu gehen und überall sofort aufzufallen wegen der Hautfarbe.
Man merkt, dass wir Fremde sind. Wir werden meistens als Pauschaltouristen abgestempelt, besonders dann, wenn gerade ein Kreuzfahrtschiff seinen Passagieren Landgang gegeben hat. Alle fünf
Minuten wird uns ein Taxi angeboten, wir lehnen jedes Mal ab und gehen weiter. Der Hafen ist mit einigen Katamaranen für tägliche Touristenausflüge schon fast gefüllt, ein paar Einwohner angeln
auf der Kaimauer. An der Kreuzung steht ein Eiswagen mit Dudelmusik in Endlosschleife. Auf der über den in das Hafenbecken mündenden Fluss gespannten Brücke sind Stände aufgebaut. Gehäkelte
Mützen mit den dominierenden Farben schwarz, rot, gelb und grün, Ketten und Armbänder, Früchte. Die Luft ist voller unbekannter Gerüche. Wir bahnen uns unseren Weg durch das Getümmel, entlang der
Hauptstraße. Uns wird mehrmals vor Augen geführt, dass hier Linksverkehr herrscht. Die Autos rauschen vorbei, mehrmals hupen uns Taxen an. Neben dem Asphalt haben sich Pfützen gebildet.
Wir kommen an einer kleinen Bar vorbei, ein paar Palmen, dann wieder Häuser. Ehemals bestimmt farbenfroh, jetzt blättert die Farbe ab. Dazwischen hat sich über einen längeren Zeitraum hinweg Müll
angesammelt. Rechts von uns der Sandstrand, dahinter ist das türkisfarbene Meer zu erahnen. Endlich taucht hinter der Kurve die erste Tankstelle auf. Dort werden die Autos noch durch Angestellte
betankt. Nach der nächsten Tankstelle biegen wir endlich von der Straße ab und gelangen somit in eine etwas schattenreichere Gegend. Dann kommt der Backsteinbau des Museums in Sicht. Wir erhalten
eine Führung durch die teilweise beengenden Räume des Museums für Volkskunde. Die Sklaverei zur Zeit der Kolonialisierung wird eindrucksvoll dargestellt, zumal aus Sicht der Bajans, wie sich die
Einwohner Barbados’ nennen. Die Insel ist reich an afrikanischer und britischer Kultur, es werden sehr viele Religionen praktiziert. Die Einwohner sind fast ausnahmslos offen, freundlich und
hilfsbereit. Besonders später am Abend gibt es diese Außnahmen aber doch: laut, fröhlich singend, merkwürdig. Es ist kein Problem, ein Gespräch anzufangen, eher schwieriger keines zu beginnen.
Von unserer ankernden Johnny aus betrachten nun einige Leute die Lichter dieser farbenfrohen, exotischen Insel. Wegen unserer eigenen Beleuchtung sind die Sterne kaum zu sehen, der Mond ist auch
noch nicht aufgegangen, es ist recht dunkel. Das Schiff neigt sich leicht von einer Seite zur anderen, während wir mit ein bisschen Musik diesen bunten Tag ausklingen lassen. Viele Grüße ins
vorweihnachtliche Deutschland,
Lina
P.S. Hey Isa! Zur Abwechslung sind wir gestern Abend mal wieder ausgelaufen und liegen jetzt vor Anker. Heute haben wir Radio gehört und dich dabei sehr vermisst. Unser Gofio gab es heute für
alle zum Frühstück … Du fehlst ganz doll! Liebe Grüße von Julia, Martti und Lina.
Datum: 16. November 2009
Position: Hafen von Santa Cruz de Tenerife
Wetter: erster Regen seit der Biskaya, dabei 25°C
Etmal: per Bus bis Güímar und zurück
geschrieben von: Lina Rixgens
Eine Theorie Thor Heyerdahls über den Ursprung der Pyramiden von Güímar: Die Guanchen, die vermutlich von den Berbern abstammenden Ureinwohner Teneriffas, errichteten Pyramiden zu zeremoniellen
Zwecken. Die Ausrichtung der Stufen in Richtung der aufgehenden Sonne bei Wintersonnenwende und der untergehenden Sonne bei Sommersonnenwende weisen erstaunliche Parallelen zu der Kultur der Inka
und Maya auf, was wiederum darauf hindeutet, dass es prähistorische Beziehungen über den Atlantik hinweg gab. Zweifler behaupten, Bauern hätten diese Steinhaufen beim Bestellen ihrer Felder
aufgeworfen.
Perspektive 1 (Lehrer, Führerin, historisch und botanisch Interessierte): Die wundervolle Landschaft Teneriffas betörte uns bereits während der Fahrt im klimatisierten Bus. Kleine,
landwirtschaftlich genutzte Gärten warben in ihrer unendlichen Farbenpracht um die Gunst unserer Aufmerksamkeit. Unter uns schien das blaue Meer in seiner schier endlosen Weite dazuliegen,
welches Panorama nur von den zu erahnenden Konturen benachbarter Eilande unterbrochen wurde. Carmen, eine einwandfrei deutsch sprechende, kompetente Dame, führte uns ein in die Kultur der
Guanchen. Hierbei bediente sie sich des technischen Fortschritts von heute, indem sie ihren Besuchern mittels des Mediums Film einen Überblick über die komplexen Gedankengänge Thor Heyerdahls
vermittelte. Angeregt diskutierten die Interessierten über die Entstehung und den Nutzen der Stufenpyramiden, sowie über mögliche, prähistorische Handelsbeziehungen zwischen der alten und der neu
entdeckten Welt. Uns begeisterte auch die Idee der Ausstellung, die es dem Besucher ermöglicht, sich eine eigene Meinung über die aufgezeigten Thesen und Theorien eben genannten Forschers zu
bilden. Des Weiteren bot das Museum einen herrlich angelegten, für die kanarischen Inseln typischen Garten, der durch Dattelpalmen, Mangobäume, Kakteen und sanfte Pianomusik sämtliche Sinne zu
beanspruchen wusste.
Perspektive 2 (von Botanik und Geschichte weniger Begeisterte…) Eine karge Landschaft empfängt uns, als wir das von Kreuzfahrtschiffern und Pauschaltouristen überladene Santa Cruz verließen.
Hotels reihen sich an Industriegebiete, bis zum Meer hinunter ist die ehemals sicher schöne Landschaft verbaut, wir passieren herunter gekommene Grundstücke und verwilderte Gärten. Die Luft
reichert sich immer mehr mit Feuchtigkeit an. Das Museum, welches vergeblich versuchte uns mit modernster Architektur und Technik, kleinen Pyramiden und Pflänzchen zu beeindrucken, ließ bei
einigen den Verdacht aufkommen, dass es darauf ausgelegt ist, wohlhabende Touristen um einige Euros zu erleichtern. Ist die ganze Theorie Heyerdahls, auf der das gesamte Museum basiert, doch nur
heiße Luft? Nachdem alle sich wiederholenden Fragen mehr oder weniger beantwortet waren, durften wir uns von der sehr redefreudigen Führerin verabschieden, um selbstständig im Kreis um den
künstlich angelegten Park zu gehen. Diesem folgte eine überteuerte Cafeteria, sowie ein Museumsshop mit quietschender Schiebetür, sodass die nicht Interessierten froh waren, als man sich endlich
auf den Weg zu einem lokalen Fastfood- Restaurant machte.
Im weiteren Tagesverlauf wurde uns Navigationsunterricht erteilt, fing es an zu regnen, flüchteten Julia, Martti und Lina infolgedessen unter ein Klettergerüst, wurden dort von spanischen Kindern
mit Spielzeugautos beworfen und schockierten später einen Supermarktangestellten mit dem Kauf von 60 Äpfeln, um den Vitamin-C Bedarf während der Atlantiküberquerung zu garantieren.
Datum: 01. November 2009
Position: 41°19,5’N, 009°14,5’W
Wetter: neblig und nass, Luft & Wasser 18°C, Wind 4-5 Bft.
Etmal: 137sm
geschrieben von: Lina Rixgens
Tag geht in Nacht über. Wache in Freiwache. Zeitgefühl ist überhaupt nicht mehr vorhanden. Haben wir erst vor zwei Tagen in Brest abgelegt oder ist es schon eine Woche her? Es gibt einen
geregelten Ablauf an Bord. Langsam spielt sich alles ein. Die gesamte Crew wurde in vier Wachen eingeteilt. Jede Wache besteht aus sechs oder sieben Schülern und Schülerinnen, einer Lehrerin und
einem Steuermann. Die ersten zwei Wochen gingen die Lehrerinnen noch mit Wache, jetzt sind sie aus dem Wachplan heraus genommen worden, um sich allmählich auf die Unterrichtszeit vorzubereiten.
Das System ist so aufgebaut, dass eine Wache jeden Tag die Backschaft übernimmt und somit vom weiteren Wachplan ausgenommen ist. Die restlichen drei Wachen wechseln sich alle drei bzw. vier
Stunden ab.
Um das mal ein bisschen zu verdeutlichen: Wache A: Backschaft - Wache B: 8-12 - Wache C: 12-16 - Wache D: 16-19 - Wache B: 19-23 - Wache C: 23-2 - Wache D: 2-5 - Wache A: 5-8 - Wache B:
Backschaft
Zu Anfang war dieses System nicht sehr beliebt, notgedrungen haben sich aber alle damit abgefunden und inzwischen auch angefreundet. Wegen des beginnenden Unterrichts wird ab den Kanaren eh ein
neuer Wachplan gültig sein. So viel zur Theorie unseres Wachsystems, doch die Wirklichkeit hat ein bisschen weniger damit zu tun: Meine Uhr zeigt 1:35 Uhr morgens an. Es scheppert. Die Kombüse.
Mit jeder Welle rutscht dort der Inhalt aller Fächer, Schubladen und Regale hin und her. Tagsüber rutscht das zu spülende Geschirr schon von selbst ins Spülbecken, der Tellerwäscher muss wohl nur
noch darauf achten, dass nicht alle Tassenhenkel abbrechen. Bin ich durch dieses Geräusch wach geworden? Habe ich gleich schon Wache? Nicht möglich, es ist doch erst ein paar Stunden her, dass
ich in meine Koje gekrochen bin. Neben mir steht jemand und hantiert mit einer Taschenlampe herum. Laute, knisternde Geräusche des Ölzeugs. Jemand anders in meiner Kammer wird geweckt. Richtig,
meine Wache fängt ja erst um 5 an. Noch einmal umdrehen und weiter schlafen. Die nächste Welle dreht mich wieder zurück in meine Ursprungsposition…
Jetzt gilt der Taschenlampenstrahl mir. In 20 Minuten ist Wachübergabe. Schnell in das noch von der letzten Wache nasse Ölzeug steigen. Für jeden ist es eine innere Überwindung das warme Bett zu
verlassen, um für mehrere Stunden an Deck zu stehen. Draußen ist es nass. Das Radar zeigt weitere Regenschauer an. Regen wechselt sich ab mit Nebel. Die Sicht ist gleich null. Das Thermometer
zeigt aber, dass wir weiter in Richtung Süden kommen: Wasser- und Lufttemperatur sind beinahe identisch bei 18°C. Die nächste Wache setzte die Segel, als wir morgens gegen 7:00 Uhr Kap Finisterre
passierten. Ein Delphin taucht neben uns auf und begleitet uns eine Weile. Kurz danach reißt der Himmel auf, und ein klarer Vollmond taucht das Meer in silbernes Licht. Mit 5,5 Knoten rauschen
wir nun der Hafenstadt Leixoes entgegen.